Freitag, 11. Juni 2010
    
Die WM als Hoffnung für Afrika

Fußball verbindet

Die Kampagne GEMEINSAM FÜR AFRIKA
Horst Köhler und Caroline Kwamboka (l.) beim Kick-Off der Kampagne GEMEINSAM FÜR AFRIKA (Foto: gemeinsam-fuer-afrika.de)

„Gemeinsam für Afrika“ lautete das Motto Veranstaltung, spaßig und spielerisch ging es her. Schirmherr Horst Köhler schien dieser Tage die Sache mit dem Miteinander jedoch nicht so genau zu nehmen und Spaß verstand er erst recht keinen. Nur drei Tage nach dem Startschuss der Gemeinsam für Afrika-WM-Kampagne  an einer Berliner Schule handelte er auf eigene Faust und trat von seinem Amt des Bundespräsidenten zurück, was in Deutschland für wenig Freude sorgte. Den Menschen in Afrika kann das egal sein. Erstens bleibt Köhler weiterhin Schirmherr von Gemeinsam für Afrika und zweitens gibt es genug bedeutende Projekte, die auf ein Miteinander, Sport und Spaß setzen, um in Afrika zu helfen und aufzuklären – auch zu Beginn der Fußballweltmeisterschaft ist dies in einigen Belangen dringend nötig

Kenia in Not

Hilfe benötigt zum Beispiel Kenia. Mehr als 50 Prozent der 37 Millionen Einwohner sind unter 24 Jahre alt. 56 Prozent der Menschen leben in Armut und knapp acht Prozent leiden an HIV. Aufgrund fehlender Aufklärung, schlechter Hygiene und mangelhafter medizinischer Versorgung werden Frauen oft ungewollt schwanger, erkranken und sterben früh. 25 Prozent von ihnen haben keine Chance, an Verhütungsmittel zu kommen. In und um die Hauptstadt Nairobi bilden sich riesige Slums, in denen sich Müllberge auftürmen. Dort ist das Leben für viele kaum noch lebenswert. Bevölkerung und Akteure im Bereich Gesundheit arbeiten meist nicht eng genug zusammen, um gegen die unzähligen Probleme anzukommen. Nun beginnt die Fußballweltmeisterschaft und Hoffnung auf Verbesserung keimt auf – doch wie kann die WM positive Veränderungen bringen? Wie kann Fußball helfen?

Südafrika wie '54?

Horst Köhler hofft auf einen Ruck, der mit der Weltmeisterschaft in Südafrika durch den Kontinent gehen wird. Er sieht das Fußballturnier als einen weiteren, eigenständigen und selbstsicheren Schritt Afrikas in die Weltgemeinschaft. Der Erdteil steht endlich einmal im Mittelpunkt: Und dabei geht es nicht um Krankheit, Elend und Zerstörung. So können vom Fußball Selbstbewusstsein und Stolz geweckt werden. Ähnliches geschah im Nachkriegsdeutschland 1954, als das „Wunder von Bern“ einem ganzen Land neuen Antrieb gab. Nun blickt die Welt auf (Süd)afrika – doch nicht nur der Fußball soll bei dieser einmaligen Chance in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, sondern auch die Kraft, die Energie und die Kreativität des Kontinents. Es wird wichtig sein, dass dieses positive Bild während und nach dem Turnier kommuniziert wird.

WM als historische Chance

Den afrikanischen Mannschaften ist in der WM durchaus einiges zuzutrauen, das zeigten nicht zuletzt deren Erfolge beim Konföderations-Pokal in Südafrika 2009 und Ghanas Sieg bei der letzten U20-WM in Ägypten. Dieses neue Selbstwertgefühl soll sich auf das alltägliche Leben, die Politik und die Wirtschaft ausbreiten. Gemeinsam will man agieren – so feuern Afrikaner auch die Teams aus den anderen Ländern ihres Kontinents an. Die Hoffnung steigt, dass sich auch in anderen Bereichen vermehrt geholfen und unterstützt wird. Natürlich ist das Fußballturnier kein Patentrezept für die Lösung sozialer Probleme. Dennoch muss man die historischen Dimensionen anerkennen: 80 Jahre nach der ersten WM wird sie endlich auf afrikanischem Boden ausgetragen. Es war ein Kraftakt, dieses Turnier in Südafrika auf die Beine zu stellen. Skepsis und Ernüchterung machten sich während der Planungs- und Bauphase nicht nur einmal breit. Nun ist es geschafft, und mit viel Stolz blickt man auf die spektakulären Stadien im eigenen Land und auf die besten Mannschaften der Welt, die sich von nun an in eben diesen miteinander messen. Das Funkeln in den Augen der Fans könnte sich schnell auf den ganzen Kontinent ausbreiten. Das schiere Selbstbewusstsein, das ein „Wunder von Johannesburg“ entfalten würde, sollte erst recht nicht unterschätzt werden.

Müllberg in einem Slum Nairobis/Kenia
Kind im Slum Nairobis (Foto: gemeinsam-fuer-afrika.de)

Fußball verbindet und klärt auf

Zurück zu Kenia, zurück zu der Frage, wie Fußball konkret helfen kann. Beim „Kick-off für Afrika“ von Gemeinsam für Afrika erklärt Caroline Kwamboka die verbindende, integrative und Chancen bringende Kraft des Fußballsports. Die engagierte Kenianerin leitet seit vielen Jahren soziale Fußballprojekte in Nairobi. Für Kwamboka ist Fußball das effektivste Werkzeug, um junge Menschen zusammen zu bringen, um miteinander etwas zu bewirken. In Slums und Gemeinden kommen Kinder und Jugendliche durch den Fußballsport zusammen. Turniere geben ihnen die Möglichkeiten, die Probleme, die sie betreffen, anzusprechen und in Angriff zu nehmen. Neben dem Fußballplatz gibt werden eine Menge sekundärer Events organisiert, wo besonders Heranwachsende in kleinen Gruppen ihre spezielle Themen diskutieren: Sexualität, Aids, Hygiene, Gesundheit. Spieler und Besucher können sich kostenlos auf HIV testen lassen – das alles geschieht anonym, was noch viel wichtiger ist. Für einen Jugendlichen ist es ansonsten extrem schwierig, den Weg in ein Krankenhaus zu finden und einen Aids-Test zu machen. Angst, Stolz und mangelhafte Informationen spielen hier eine elementare Rolle. Die Fußballprojekte jedoch nehmen den Menschen die Furcht vor Brandmarkung.

Der Geist des Fußballs

In den kleinen Projekten in Kenia vermittelt der Geist des Fußballs Stolz, Selbstbewusstsein und Hoffnung. Die Menschen erhalten ein Gefühl der Zugehörigkeit und lernen, was es heißt, im Team zu arbeiten. Im vom jahrelangen Bürgerkrieg zerrütteten Ruanda finden ähnliche Unternehmungen statt: dort realisiert der Deutschen Fußballbund Turniere mit dem Namen „Football for Peace“. Die Gemeinsam für Afrika-WM-Kampagne hofft nun, dass die Fußballweltmeisterschaft sich zu einem überregionalen Projekt dieser Art entwickelt, in dem ganz Afrika durch Fußball zu neuer Selbstsicherheit und zueinander findet. In Südafrika half der Sport schon einmal, ganz neue Dimensionen zu entfalten: 1995 engagierte sich Nelson Mandela für die, fast ausschließlich mit weißen Spielern besetzte, Rugbymannschaft des Landes und überreichte ihnen am Ende der Weltmeisterschaft den Pokal als Zeichen dafür, dass das weiße und schwarze Südafrika zusammenwachsen müsse. Der Staatsmann ermöglichte, dass Bürger aller Hautfarben gemeinsam stolz für ihr Team und ihr Land empfanden. Der Fußballsport bietet nun die Chance, dass alle Einwohner Afrikas miteinander stolz auf ihren Kontinent blicken – denn Fußball verbindet.

[DB]