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Agrarinvestitionen: Gefahr oder Chance?

- Der wachsende Außenhandel kann zur Verknappung der Nahrungsmittel auf den örtlichen Märkten führen. Davon sind vor allem arme Haushalte betroffen. (Foto: commons.wikimedia.org/futureatlas.com, CC by 2.0)
Das weltweite Interesse an Agrarland hat in den letzten fünf Jahren stark zugenommen. So wird derzeit über 47 bis 227 Millionen Hektar Land verhandelt, was einem Areal entspricht, das größer als die Agrarfläche der Europäischen Union ist. Angetrieben wir die Nachfrage neuer landwirtschaftlicher Nutzflächen durch den immer größer werdenden Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln, nachwachsenden Energieträgern, fossilen und mineralischen Rohstoffen sowie der größer werdenden Nachfrage nach Wasser. Investiert wird mit unterschiedlichen Motiven: Es geht um Rohstoffsicherung, um Land für die Produktion und um den Export von Agrotreibstoffen. Weiterhin um staatliche Investitionen zur Sicherung des eigenen, vom Weltmarkt unabhängigen Nahrungsmittel- und Energiebedarfs sowie um die inflationssichere Anlage für Banken und Fonds. Die Wirtschaftslage hat sich weltweit so verändert, dass sich mit Ackerland sehr viel Geld verdienen lässt.
Agrarland- eine sichere Investition
Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird weiterhin steigen und somit für hohe Marktpreise sorgen. Zudem gilt Ackerland als inflationssicher. Sein Wert ist unabhängig von anderen Vermögenswerten wie Gold und Devisen, so dass die Investitionen gewinnbringend erweitert oder weiter veräußert werden können. Bei einem Fachgespräch im Quadriga Forum in Berlin wurden über die Gefahren und Steuerungsmöglichkeiten von großflächigen Agrarinvestitionen diskutiert. Referenten waren Prof. Joe Alie, Präsident der Nichtregierungsorganisation Sierra Leone Adult Education Association (SLADEA), Sierra Leone, Caroline Callenius, Leiterin der Kampagne für Ernährungssicherheit, Brot für die Welt und Joseph Rahall, Direktor der Nichtregierungsorganisation Green Scenery, Sierra Leone.
Land Grabbing - kein ungenutztes Land

- Das an ausländische Investoren verpachtete oder verkaufte Land ist häufig nicht ungenutzt. Die Nutzungsrechte sind oft unzureichend registriert. (Foto: commons.wikimedia.org/CIAT, CC by-sa 2.0)
Das an Investoren veräußerte Land ist häufig jedoch keineswegs ungenutzt und besitzlos. In den betroffenen Ländern gibt es oftmals aber nur schwach ausgebildete landpolitische Institutionen, die nicht in der Lage sind, die Nutzungsrechte angemessen zu registrieren. Ebenfalls wird ein großer Teil des Landes von den Menschen in traditionellen Nutzungssystemen bewirtschaftet, so dass es nicht ausreicht, das Vorhandensein formaler Besitzurkunden zu prüfen.
Die Beratung und Information der ortsansässigen Menschen durch die Investoren ist bei dem größten Teil des Landverkaufs nur unzulänglich. Oftmals werden betroffene Gruppe nur teilweise oder überhaupt nicht zu Verhandlungen hinzugezogen. Verträge zwischen der Regierung und den Unternehmen werden nicht öffentlich bekannt gemacht. In den bislang öffentlich zugänglichen Verträgen sind die Rechte und Pflichten der Unternehmen nur ungenügend festgelegt, so dass den Investoren ein großer Handlungsspielraum gegeben ist. Es fehlt an Bestimmungen zur Besteuerung, zu Sozial- und Umweltstandards, Weiterbildung und Weiterverarbeitung.
Die Auswirkungen
Ein weiteres Problem der großflächigen Agrarinvestitionen stellt der Export von Nahrungs- und Energiepflanzen dar: Der wachsende Außenhandel kann zur Verknappung der Nahrungsmittel auf den örtlichen Märkten führen. Das wiederum hat zur Folge, dass vor Ort die Marktpreise steigen sowie stark schwanken. Davon sind vor allem arme Haushalte betroffen, die schon unter normalen Umständen viel zu wenig Geld zur Verfügung haben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Viele der Landinvestitionen führen zu Vertreibungen, ohne dass Entschädigungen gezahlt und ohne dass Vertriebene wieder angesiedelt werden. Somit werden auch die Menschenrechte missachtet. In Artikel 1 IPwskR und IPbpR (Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte) heißt es: “In keinem Fall darf ein Volk seiner Existenzmittel beraubt werden”. Handelt es sich um Landveräußerungen in solchen Dimensionen wie beispielsweise in Sierra Leone, droht jedoch genau dies.
Addax Bioenergie - nachhaltig für wen?
Eine neue Studie von “Brot für alle” zu Addax Bioenergy zeigt an einem konkreten Beispiel, wie wichtig es ist, solche Investitionen in Hinblick auf das Vorhaben der Unternehmen und die mögliche Belastung für Land und Menschen zu prüfen.
In Sierra Leone ist in den letzten Jahren ein Volumen von geschätzten 500.000 Hektar Land an ausländische Investoren vergeben worden. Die Fläche des verpachteten Landes entspricht in etwa der doppelten Größe des Saarlandes. Die Menschen in Sierra Leone, die dringend Hilfe benötigen, profitieren davon nicht. Die sierra-leonische Regierung unterstützt zwar neben der Förderung der ausländischen Investitionen auch kleinbäuerliche Landwirtschaft zur Armutsreduzierung, aber nur ein sehr kleiner Teil der Bauern zieht daraus einen Nutzen. Zwei Drittel der Bevölkerung lebt unmittelbar von der Landwirtschaft, und insbesondere auf dem Land sind Armut und Hunger sehr verbreitet. Die ausländischen Agrarinvestitionen führen zu Konflikten anstatt zu helfen, weil es an ausreichenden Informationen für die Kleinbauern fehlt. Den Menschen auf dem Land, von denen laut Welthunger-Index 2011 mehr als ein Drittel chronisch unterernährt ist, wird das Land auf dem sie ihren Lebensunterhalt erwirtschaften könnten, gegen einen geringen Preis weggenommen.
Profit für die Investoren aus der Unwissenheit vor Ort
- Ansässige Kleinbauern die ihren Lebensunterhalt von der Landwirtschaft bestreiten werden von der Regierung nicht ausreichend unterstützt und informiert. (Foto: commons.wikimedia.org/Siebrand, CC by-sa 3.0)
Die Firmen, die dort investierten, ziehen ihren Profit aus der Unwissenheit und Verzweiflung der Menschen dort. Laut Prof. Joe Alie, Präsident der Nichtregierungsorganisation Sierra Leone Adult Education Association (SLADEA) stellt Addax Bioenergy anhand einer unabhängigen Studie vor: Addax Bioenergie ist eine in der Schweiz ansässiges Unternehmen, das Agrotreibstoffe und Agrobrennstoffe anbaut und vertreibt. In Sierra-Leone hat Addax eine Fläche von 20.000 Hektar für einen Zeitraum von 50 Jahren gepachtet. Das Ackerland wird zum Anbau von Zuckerrohr-Plantagen genutzt. Das daraus produzierte Ethanol wird in die EU exportiert. Der Preis für das gekaufte oder gepachtete Land ist sehr gering: Pro Hektar werden laut Alie weniger als zehn Dollar gezahlt. Er sieht die Folgen und den Nutzen der Fremdinvestitionen für die Landesbevölkerung als besorgniserregend und fragwürdig an. Es fehlt an Weideland für Rinder und die Nutzung von Wasserstellen wird durch die Fremdnutzung eingebüßt. Die Nahrungsmittelversorgung verschlechtert sich sowie die Lebenshaltungskosten vor Ort in die Höhe getrieben werden.
Umweltschäden sind weitere Folgen
Die Vertreibung von lokalen Bauern von fruchtbaren Land und der Verlust von wichtigen Heilkräutern, die auf dem verpachteten Boden nicht mehr wachsen, sind nur einige bedeutende Folgen die das Land Grabbing von Addax Bionenergy nach sich zieht. Hinzu kommt die Umweltbelastung, die durch das aus Zuckerrohr gewonnene Ethanol erhöht wird. Das aus Zuckerrohr gewonnene Ethanol weist eine bis zu dreimal höhere Verschmutzung auf als herkömmliches Erdöl. Bei der Gewinnung werden Luft, Böden und das Wasser durch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden belastet. Allein für das Projekt von Addax Bioenergy wurde insgesamt ein Fläche von 4.600 Hektaren Buschland und Wald gerodet, obwohl das Unternehmen angab, keine Waldrodungen vorzunehmen. Nachhaltig ist das Projekt auch für den Wasserverbrauch nicht: in der Trockenzeit werden 26 Prozent, also etwa ein Viertel, des vorhandenen Flusswassers von Addax abgezweigt. Das Unternehmen erkannte diese Zahl jedoch nicht an und gab selbst einen wenig aussagekräftigen durchschnittlichen Jahreswasserverbrauch von 2 Prozent an. Solche Interessenkonflikte und missbräuchliche Absprachen zwischen dem Unternehmen und den lokalen Autoritäten könnten durch das Entschädigungssystem von Addax gelöst worden sein. Ohne selber Land und Eigentum abzugeben, erhalten diese einen Teil der jährlichen Pachtzins-Beiträge von Addax. Das Land Grabbing hat also viele weitreichende Folgen die sich negativ auf die Landesbevölkerungen auswirken. Carolin Callenius, Leiterin der Kampagne für Ernährungssicherheit, Brot für die Welt fragt deshalb: “Win-Situation für wen?”
Auch die Regierung muss Verantwortung übernehmen

- Durch die ausländischen Investoren wird viel Buschland und Wald gerodet. Allein Addax Bioenergy rodete 4.600 Hektaren für das Projekt in Sierra Leone. (Foto: commons.wikimedia.org/Hesoyam2468, gemeinfrei)
Nicht nur den Unternehmen ist vorzuwerfen, ihren Käufern nicht genügend Informationen entgegen zu bringen, auch die Regierung handelt nicht im Interesse der einheimischen Bevölkerung. Addax Bioenergy hat sein Bioethanol-Projekt in Sierra Leone als nachhaltiges Projekt verkauft und dafür über die Hälfte der Gelder von Entwicklungsbanken erhalten. Die Studie von Brot für alle zeigt jedoch auf, dass es gerade bei der Nachhaltigkeit berechtigte Vorbehalte gibt. Carolin Callenius stellt die Win-Win-Situation für die sierra-leonische Regierung in Frage: Der Staat von Sierra Leone ist nicht in der Lage, seine Bevölkerung selber zu ernähren. Deshalb ist der fortschreitende Verkauf von fruchtbaren Agrarflächen bedenklich. Bisher wurden Landpachtverträge mit ausländischen Investoren über bis zu einer Million Hektaren Land abgeschlossen, was etwa 18 Prozent der kultivierbaren Fläche des Landes entspricht. Callenius fordert, dass sich die Regierung klar macht, auf welcher Seite sie steht. Nicht ausländische Investoren zu unterstützen, sondern primär einheimische Bauern und Firmen, so dass sich daraus eine Stabilität des nationalen Nahrungsmittelmarktes entwickeln kann.
Deutschland und die EU sollten ebenfalls Verantwortung übernehmen
Laut Callenius muss deutlich gemacht werden wer über dieses Land entscheidet. Die Nutzungs- und Besitzrechte müssen öffentlich und bindend sein. Deutschland und die EU könnten entscheidenden Einfluss auf solche zukünftigen Investitionen nehmen. Mit einer EU-Agrarreform zum Wohle der Menschheit und die Einführung von Lebensmittelstandards könnte man bewirken, dass sich die Bedingungen für die Erzeuger erleichtern. Damit jedoch auch die Entwicklungsländer davon profitieren können, muss eine solche Agrarreform multinational ausgerichtet und die Entwicklungsländer bei Entscheidungen mit einbezogen werden. Zudem ist laut Callenius mehr Transparenz bei der Förderung von Agrarinvestitionen notwendig. Addax Bioenergy erhielt mehr als die Hälfte der Gelder für das “nachhaltige Projekt“ in Sierra Leone von Entwicklungsbanken. Dazu gehört auch die afrikanische Entwicklungsbank, welche von der Schweiz mitgetragen wird. Somit sind auch Banken für die Auswirkungen und Risiken solcher Projekte mitverantwortlich. Eine größere Transparenz und eine damit verbundene Prüfung solcher Projekte ist unumgänglich, um das Land Grabbing zu stoppen und das fruchtbare Land gewinnbringend für die ansässige Bevölkerung zu nutzen.
[SR]
