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Donnerstag, 22. Dezember 2011

Von: PB

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Keywords:
Revolution | arabische Länder | EU-Sonderbeauftragter | Bernardino Leon | Demokratie | islamisch
EU-Sonderbeauftragter Bernardino Leon

Die EU und die “Arabische Revolution”

Berlin – Im Winter 2010/2011 begann in Tunesien die Revolution. Nach und nach wurden fast alle arabischen Länder davon erfasst und Diktatoren wie Ben Ali (Tunesien), Ghaddafi (Libyen) und Mubarak am Nil davon gejagt bzw. getötet. Nun geht es im Maghreb um die Zukunft unter anderen Vorzeichen. Sind diese demokratischer oder eher islamisch? Wie werden sich die Länder entwickeln? Darüber diskutierte Bernardino Leon, seit Sommer 2011 der neue EU-Sonderbeauftragte für Nordafrika am 21.12. 2011 in Berlin mit Journalisten. Christian-Hanelt, Chef des Programms “Europas Zukunft” von der Bertelsmann Stiftung hatte eingeladen. European Circle-Korrespondent Peter Brinkmann war dabei.

EU-Sonderbeauftragter Leon für Nordafrika fordert: Europa muss sich mehr kümmern!

Bernardino Leon
Laut Bernardino Leon sollte der politische Einfluss der EU in Nordafrika und dem Nahen Osten gebündelt und gestärkt werden. (Foto: p. brinkmann)

Was ist die Aufgabe des neuen Sonderbeauftragten? Was soll, kann und muss der spanische Diplomat Leon bewegen? Seine Antwort war kurz: “Ich soll im Dialog mit allen Parteien, die am demokratischen Transformationsprozess in der Region beteiligt sind, den politischen Einfluss der EU in Nordafrika und dem Nahen Osten bündeln und stärken”. Keine leichte Aufgabe, zumal die Lage in jedem Land anders ist. Leon kennt sich aber aus in solchen Situationen. Einen Großteil seiner mehr als 20-jährigen Berufserfahrung sammelte León in der Arabischen Welt. Von 1997 bis 2001 arbeitete der Spanier für den ersten EU-Sonderbeauftragten für den Friedensprozess im Nahen Osten, seinen Landsmann Miguel Ángel Moratinos. Zuletzt war León Generalsekretär im Kabinett des spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero.

Europa direkt betroffen

Bernardino Leon spricht leise, fast ohne Betonung. Ungemein sachlich schildert er die Lage. “Tunesien ist am weitesten in der Entwicklung, in Marokko lässt der König die Zügel locker, in Libyen bilden sich die Strukturen erst heraus, in Ägypten ist noch nicht entschieden, in Jordanien gibt der König die Route vor und die heißt auch hier Demokratisierung und Veränderung”, erzählt der Beauftragte in einem sachlichen Berichtston. Doch seine Erklärungen haben es in sich.

Jordanien

Warum zählt Jordanien dazu, obwohl dort keine Revolution stattgefunden hat. “Weil”, so Leon, “König Abdullah II. erkannt hat, dass er eine starke Rolle in der Region spielen kann und muss, aber nur, wenn es ihm gelingt, die Gesellschaft seines Landes miteinander in Frieden zu bringen. Jordanien ruht auf drei Säulen: Die Beduinen in den ländlichen Regionen, die mit der zweiten Gruppe, den Palästinensern, wenig zu tun haben wollen. Und in den Städten und im Parlament haben die Konservativen, sprich die Islamisten das Sagen. Das ist fragil. Der König bemüht sich jetzt, diese Bande zwischen den Gruppen zu verstärken. Sodass es im Königreich ruhig bleibt. Und Abdullah baut hier auf Europa. Ganz anders als zum Beispiel die Ägypter.”

Ägypten

In Ägypten, so Leon, ist noch nichts entschieden. “Aber die Ägypter sind stark nationalistisch. Sie wollen mit Europa ganz wenig zu tun haben. Die Armee, die den Staat gestützt hatte, ja der Staat war, und Mubarak als alleiniger Herrscher haben alles gemacht. Nun gibt es Armee und Polizei weiterhin, aber im Bunde mit den Islamisten. Sie haben bei der Wahl gewonnen. Aber auch da haben wir zwei Strömungen: Die moderaten und die Salafisten. Wer am Ende gewinnen wird, ist noch offen. Für Europa bedeutet das sehr viel. Wenden diese sich ab von Europa, wird Ägypten stark zurückfallen. Schon jetzt ist die Wirtschaft am Boden, aber dann wird es noch katastrophaler werden. Europa kann daran kein Interesse haben. Deswegen müssen wir den Blick auf ein anderes Land werfen, das hier Vorbild Funktionen haben könnte: Tunesien.”

Tunesien

Bernardino Leon und Peter Brinkmann
EU-Sonderbeauftragter Bernardino Leon während des Gesprächs mit European Circle Korrespondent Peter Brinkmann. (Foto: p. brinkmann)

Ägypten hält zwar nichts vom “kleinen” Nachbarn Tunesien. Aber Tunesien hat seit den revolutionären Wochen im Frühjahr die größte Sprünge gemacht. “Es ist am dichtesten an Europa gerückt, die neue Führung weiß, dass es Europa braucht, und will dies auch nutzen. Ich bin in sehr engen Gesprächen mit der neuen Führung. Sowohl mit den Islamisten wie auch mit den anderen Politikern. Tunesien hat aber viele Vorteile gegenüber den Nachbarn: Schon vor mehr als 30 Jahren wurden die Rechte der Frauen deutlich verbessert, es gibt einen Mittelstand. Das Pro Kopf Einkommen liegt hier bei 4000 Dollar im Jahr. In Marokko bei 2800. In Tunesien wissen die neuen Führer, worum es geht. Und sie wissen auch, dass es am besten mit Europa statt gegen Europa geht.” Leon machte auch deutlich, dass Europa sich deswegen stärker gen Süden ausrichten muss. “Wir müssen helfen, wir müssen dabei sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass Ägypten ins Chaos versinkt, Tunesien ist da anders. Das wird und kann zum Musterland werden, wo dann die Nachbarn sagen: Warum die und nicht auch wir? Daran müssen wir Europäer arbeiten! Aber es geht nicht über Nacht, es wird lange dauern. Um so wichtiger ist unsere Hilfe. Ich spreche mit allen Beteiligten in allen Ländern. Das ist meine Aufgabe. Ich spreche auch mit den Islamisten. Sie sind es, die überall in den Wahlen gewinnen.”

Israel und Türkei

Eine weitere brisante Frage ist die über das Verhältnis zwischen Israel und seinen Nachbarn und die Rolle der Türkei in der künftigen Entwicklung. Leon sagte: “In Israel sieht man die Entwicklung mit großer Sorge. Sie sehen ja, was da passiert. In Ägypten geht die Armee auf den alten Nasser-Kurs gegen Israel. In Syrien wissen wir nicht, was passiert. Aber es wird am Ende keine Israel freundliche Regierung sein. Die gesamte arabische Welt verändert sich und das nicht zugunsten Israels. Die Türkei wird eine ganz wichtig Rolle spielen. Und deswegen ist Jordanien so wichtig. Es würde ein Puffer sein gegenüber Israel und den arabischen Staaten. Der König weiß das und betreibt deswegen diese Modernisierungspolitik. Was allerdings in Israel passieren wird, ist ungewiss. Dort wird heftig diskutiert, was diese Einkreisung bedeuten könnte und was dagegen zu tun ist. Eine Antwort gibt es noch nicht.” Soweit der Sonderbeauftragte der EU für die nordafrikanischen Länder.

Die Bertelsmann-Stiftung hat zeitgleich unter Federführung von Christian Hanelt eine Studie unter dem Titel “Europa und die Arabellion 2012” herausgebracht. Hier die Kernsätze der Untersuchung:
 

1. Die Parteienlandschaft reicht von links bis liberal im säkularen Spektrum und von gemäßigt bis fundamentalistisch im islamistischen Spektrum. Die Säkularen treten zu Wahlen mit vielen Parteien und Kandidaten zersplittert an. Die Islamisten hingegen konzentrieren sich auf zwei Parteien: Die Gemäßigten, die demokratische Regeln akzeptieren, sagen, sie nehmen sich die türkische Regierungspartei AKP zum Vorbild, und wollen (mit)regieren. Die Fundamentalisten, wie die Salafisten, lehnen Demokratie und Pluralismus ab. Für die  Menschen sind islamistische Parteien auch ein glaubhafter Bruch mit den alten Eliten, denn die alten Machthaber waren meistens säkular eingestellt, pro westlich orientiert und wirtschafteten nach kapitalistischen Regeln. Diese Gründe erklären, warum in den nun ersten freien Wahlen islamistische Parteien Mehrheiten gewinnen.

2. Da die arabische Welt ihr politisches Bewusstsein neu entdeckt, muss Europa mutig und voller Klarheit sprechen. Wichtig sind deutliche Worte gegen die Demokratieblockade des ägyptischen Militärrates und der Salafisten (und ihrer Unterstützer im Ausland). Eine offizielle Anerkennung des Syrischen Nationalrates ist wegweisend. Mit Blick auf die vielen Wahlen in Arabien in 2012 sollte die EU auf internationaler Wahlbeobachtung beharren. Die tunesische Übergangsregierung hatte ausländische Beobachter, darunter auch europäische Parlamentarier und NGOs, zu der Wahl eingeladen und gute Erfahrungen gemacht.

3. Wichtig ist jetzt eine Kooperation und Arbeitsteilung mit neuen Akteuren aus der Region selbst: Der Türkei, der Arabischen Liga und Qatar.

Fazit von Christian Hanelt:

“Der weitere Verlauf der Aufbrüche und Umbrüche in Arabien ist schwer kalkulierbar. Er wird aus europäischer Sicht erfreuliche und nicht erfreuliche Entwicklungen bringen. So möge Europa das “Arabische Erwachen” als Chance begreifen und Brücken übers Mittelmeer bauen.”

[PB]