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Nahrungsmittelspekulation - Auslöser der Hungersnot?
Seit Jahrzehnten steht die Bekämpfung des Hunger in der Welt im Brennpunkt der Aufmerksamkeit in der internationalen Politik. An Zielvorgaben und Lösungsvorschlägen herrscht kein Mangel, doch viele geplanten Vorschläge wurden bereits abgeschwächt und die Erwartungen zurückgeschraubt wie beispielsweise die Millenium-Entwicklungsziele. Die Nahrungsmittelspekulation gilt als einer der Hauptauslöser für die Hungersnot in ärmeren Ländern. Auch die momentane Hungerkrise am Horn von Afrika, der jede Woche unzählige Menschen zum Opfer fallen, wird in engen Zusammenhang damit gebracht.
Europa muss handeln

- Afrika war in den 60er Jahren noch Selbstversorger, heute ist das Land auf den Import von Getreide angewiesen. (Foto: commons.wikimedia.org/Jurema Oliveira, CC BY-SA 3.0)
Non Profit Organisationen fordern die Europäische Union auf Änderungen am EU-Recht vorzunehmen, um den Spekulationen um die Nahrungsmittelpreise ein Ende zu setzen.
Organisationen wie die Alliance 2015 bemüht sich die Welthungerhilfe darum, andere europäische Hilfsorganisationen und wichtigsten Geber vor Ort zu überzeugen mit dem Ziel, die Menschen zu unterstützen und eine Hungersnot ähnlich wie derzeit in Ostafrika abzuwenden. Alliance 2015 ist ein Verbund, der aus sieben entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen besteht. Gemeinsam führen sie sowohl Projekte im Ausland als auch Aktionen in Europa durch.
Eine humanitäre Katastrophe bedroht schon seit Monaten die Menschen am Horn von Afrika. Zu der schwersten Dürre seit fünfzig Jahren kommen die Nahrungsknappheit und bewaffnete Konflikte hinzu. Mehr als zehn Millionen Menschen in Somalia, Kenia und Äthiopien sind davon betroffen. Die Vereinten Nationen bezeichnet die Situation in Afrika als die schwersten Nahrungsmittelkrise weltweit. Experten gehen von einer gravierenden Knappheit von Nahrungsmitteln im Frühjahr 2012 aus. Die derzeitige Situation wird dadurch verschlechtert, dass die Preise für Grundnahrungsmittel ansteigen und nicht wie üblich nach einer Ernte wieder fallen.
Ein "stiller Tsunami"

- Eine Maßnahme zur Bekämpfung des Hunger wäre die kostengünstige und nachhaltige Erhöhung der Produktivität. (Foto: commons.wikimedia.org/Rob Hooft, CC BY-SA 3.0)
Seit 2006 schwanken die Preise für die Grundnahrungsmittel wie Mais, Sojabohne, Reis und Weizen stark, sind aber im Ergebnis kontinuierlich angestiegen. Als raffgierige Händler die Preise für Getreide ansteigen ließen, handelten die reichen Industriestaaten sofort und stellten dem Welternährungsprogramm (WFP) der UN umgehend zusätzliche Mittel zur Verfügung. Dies ermöglichte den betroffenen Menschen sich die benötigten Nahrungsmittel auch zu höheren Preisen beschaffen zu können. Auf diese kurzfristige Reaktionen folgten national und international Initiativen. Der seit längeren vernachlässigte Landwirtschaftssektor und die Grundnahrungsmittelproduktion galt es zu stärken und mehr in der Entwicklungs- und Agrarpolitik zu berücksichtigen. Auch die afrikanischen Staaten waren von der UNO zum Handeln aufgefordert worden. Zehn Prozent des Staatshaushaltes sollte in die Agrarwirtschaft investiert und so die Grundnahrungsmittelproduktion gesteigert werden. Dabei konzentrierte sich Afrika vorallem auf die Import-Produkte wie Mais und Weizen.
Besonders die ärmeren Bevölkerungsgruppen in Ländern wie Afrika, Bangladesch und Guatemala verfügen nicht über die nötigen Mittel, um sich den Preisschwankungen und Preisspitzen anzupassen oder darauf zu reagieren.
Der zuständige Finanzminister dieser Länder ist meist gezwungen den Großteil des Volkseinkommens - bis zu 80 Prozent - für den Einkauf von Grundnahrungsmitteln auszugeben. Da all diese Länder extrem auf deren Import angewiesen sind, werden an anderen Dingen wie beispielsweise der Schulbildung gnadenlose Einsparungen vorgenommen. Das Welternährungsprogramm bezeichnete den rasanten Aufstieg der Preise in den vergangenen Jahren als einen “stillen Tsunami”. Dieser Tsunami verdoppelte beispielsweise 2007 innerhalb von acht Monaten den Maispreis von 430 US-Cent/Bushel auf 830 US-Cent/Bushel. Ein Bushel entspricht etwa 35 Liter oder 25 kg Mais. Für die steigenden und schwankenden Preisverhältnisse sind insbesondere drei Hauptfaktoren verantwortlich:
-die Warentermingeschäfte mit Agrargütern
-die Auswirkungen des Klimawandels
-die Herstellung von Treibstoff wie Bioethanol erfordert eine vermehrte Verwendung von Agrarprodukten. Deswegen landet der Mais im Tank und nicht auf dem Teller!
Gewinnträchtiges Geschäft

- Viele Bankmanager verdienten sich in den letzten Jahren eine goldene Nase durch den Handel mit Nahrungsmitteln. (Foto: Burkard Vogt / pixelio.de)
Der Handel mit Nahrungsmitteln hat sich in den letzten Jahren für viele Banken und Vermögensverwalter als gewinnträchtiges Geschäft erwiesen. Dadurch haben die Preise Rekordhöhen erreicht, was die in vielen Ländern schon vorhandene Nahrungsmittelknappheit und die damit verbundene Hungersnot verstärkt hat. Obwohl Akteure der Finanzwirtschaft immer wieder beteuern, dass die Nahrungsmittelspekulation langfristig zur Stabilisierung der Preise beitragen würde, kann man im Rohstoffbereich eine umgekehrte Entwicklung beobachten. Die Rohstoffmärkte wiesen bis vor einigen Jahren eine relative Unabhängigkeit von den Finanzmärkten auf und entwickelten sich nach dem Angebot und der Nachfrage der realen Wirtschaft. Der größte Anteil des spekulativen Investments in Rohstoffe basiert nicht auf Eigenkapital, sondern auf Krediten. Die Standardisierung des Warenterminhandels führte dazu, dass immer mehr Investoren in diesen Bereich ihr Geld anlegten, was die deutlich gestiegenen Preise erklärt.
Investitionen sind nötig
Um die Menschen Afrikas zukünftig vor erneuten Preiskrisen zu schützen, sind Investitionen in eine kleinbäuerliche Landwirtschaft dringend von Nöten. Drei Viertel der Hungerleidenden leben auf dem Land, das restliche Viertel besteht aus Kleinbauern, die allerdings nur für den Eigenbedarf produzieren, da ihnen die Mittel fehlen im großen Stil Getreide anzubauen. Doch selbst die Ernte dieser Bauern reicht nicht aus, um ihre Familien ein ganzes Jahr zu verpflegen, geschweige denn Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen. Eine Maßnahme zur Bekämpfung von Hunger und Armut wäre sicherlich die kostengünstige und nachhaltige Erhöhung der Produktivität, so der Internationale Fonds für ländliche Entwicklung (IFAD). Die globale Hungersituation hat sich zwar, laut dem Welthunger-Index (WHI) 2011, seit 1999 etwas verbessert, dennoch ist die Lage ernst. Einige Länder wie Äthiopien oder Nicaragua konnten ihre WHI-Werte um 50 Prozent reduzieren. Doch der Fortschritt hat manche Regionen Afrikas noch nicht erreicht. Südlich der Sahara kämpfen die Menschen weiterhin mit Hunger und Armut. Die Demokratische Republik Kongo gehört beispielsweise zu einem der sechs Länder, in denen die WHI-Werte aufgrund von politischen Konflikten und Auseinandersetzungen bis zu 60 Prozent angestiegen sind.
[MR]
(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Peggy Greb, gemeinfrei)
