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Nigerias Kampf um Religionsfreiheit

- Die radikal islamische Sekte Boko Haram will in Nigeria die islamische Gesetzgebung der Scharia durchsetzen. (Foto: commons.wikimedia.org/Kipp Jones, CC by 2.0)
25. Dezember 2011: Bei Bombenanschlägen auf christliche Weihnachtsmessen sterben in Madala und Jos im Nordosten Nigerias mindestens 30 Menschen. Mehr als 50 werden verletzt. 5. Januar 2012: Sechs Menschen werden bei einem Anschlag auf eine Kirche in der Stadt Gombe getötet. 6. Januar 2012: Unbekannte erschießen 16 Menschen im Rathaus von Mubi. 7. Januar 2012: Bei einem Überfall auf eine Kirche im Bundesstaat Adamawa sterben laut nigerianische Medien acht Menschen. Die Liste der jüngsten Gewalttaten im Norden Nigerias liest sich mit Schrecken.
Die radikal islamische Sekte Boko Haram (wörtlich übersetzt: Verband der Sunniten für die Einladung zum Islam und für den Dschihad) will mit Hilfe andauernder Anschläge auf Christen im mehrheitlich muslimisch geprägten Norden des Landes die islamische Gesetzgebung der Scharia durchsetzen. Zu Jahresbeginn setzten die Islamisten den Christen im Norden Nigerias daher ein dreitägiges förmliches Ultimatum um sich in den vorwiegend christlichen Süden des Landes zurück zu ziehen. Andernfalls würden sie die christlichen Einrichtungen der Region weiter mit Terror überziehen. Die jüngsten Anschläge sind jedoch nur der vorläufige Zwischenstand einer Reihe von Gewalttaten mit denen die Sekte das westafrikanische Land bereits seit mehr als zwei Jahren in Atem hält.
Ein ethnisch-religiöses Pulverfass
Das laut der letzten Volkszählung von 2006 auf rund 140 Millionen Menschen geschätzte nigerianische Volk unterteilt sich nahezu gleich in den muslimisch geprägten Norden und den christlichen Süden. Im Norden dominieren die Volksgruppen der Hausa und Fulbe das politische und gesellschaftliche Geschehen während sich die Yoruba im Westen und die Igbo im Osten den ölreichen Süden des Landes aufteilen. Neben diesen drei größten Volksgruppen existieren noch zahlreiche ethnische Minderheiten wie die Ijaw, Karuni oder die Tiv. Darüber hinaus pflegen die meisten Gruppen neben der Hauptreligion auch individuelle religiöse Traditionen. Das Christentum in Nigerias Süden ist auf die koloniale Missionierung des britischen Empires zurückzuführen, was den radikal-islamischen Strömungen aus dem Norden zur Rechtfertigung der Vertreibung des Christentums aus dem ganzen Land dienlich ist. Diese religiöse und ethnische Diversität bietet gemeinsam mit den rund 500 Sprachen und Dialekten des Landes den Nährboden für die aktuellen Konflikte.
Ein Kompromisspräsident in der Glaubwürdigkeitskrise

- Der Staatspräsident Nigerias, Goodluck Jonathan der selbst zur ethnischen Minderheit der Ijaw gehört, leidet unter seiner schwindenden Glaubwürdigkeit. (Foto: commons.wikimedia.org/Ricardo Stuckert, CC by 2.5)
Für den erst 2010 gewählten Staatspräsidenten Goodluck Jonathan brechen nun schwere Zeiten an. Der zur ethnischen Minderheit der Ijaw gehörende Politiker musste in diesen Tagen so oft öffentlich Wort ergreifen wie keiner seiner Amtsvorgänger. Erschwerend für Jonathan kommt auch der sich aktuell ausbreitende Generalstreik der Gewerkschaften hinzu, der infolge der zum Jahresbeginn aus Budgetgründen gestrichenen Treibstoffsubventionen entflammte. Die dadurch schlagartig verdoppelten Benzin- und Ölpreise im Inland verschärfen die schwindende politische Legitimation des Präsidenten zusätzlich. Sein Amt verdankt er im Grunde lediglich den politischen Zerwürfnissen zwischen den Hausa, Yoruba und Igbo. Deren jeweilige Kandidaten waren bei den Wahlen im April 2011 aufgrund fragiler Mehrheitsverhältnisse nicht im Stande den ehemaligen Vizepräsidenten und Amtserben des im Februar 2010 verstorbenen Staatsoberhauptes Umaru Yaradua abzulösen.
Des Weiteren leidet Jonathan aktuell unter seiner schwindenden Glaubwürdigkeit. Bei Amtsantritt verkündete er den engagierten Kampf gegen sämtlichen Extremismus im Staate - wenn nötig auch mit militärischen Mitteln. Dies schien er jedoch nur auf den Kampf gegen das Movement for the Emancipation of the Niger Delta (MEND) zu begrenzen, das seit Langem prominent gegen die industrielle Ölförderung im Niger Delta agiert. Boko Haram wurde dabei anscheinend vergessen. Der Bedrohung durch den steigenden Terror gegenüber der christlichen Minderheit im Norden entgegnet der Präsident bislang daher nur durch den Ausbau der Militärpräsenz. Dessen korrumpierte Strukturen und zuweilen recht bürgerunfreundliches Verhalten vor Ort sorgen jedoch eher noch für Zulauf an Unterstützung für die radikalen Islamisten der Sekte, anstatt diese erfolgreich in die Schranken zu weisen.
Radikale Islamisierung mit Rückenwind
Daher wundert es wenig, dass sich die Dschihadisten der Boko Haram eines vermutlich wachsenden Rückhalts in der lokalen muslimischen Bevölkerung in Nigerias Norden sicher sein können. Die Gruppierung, der enge Kontakte zu Al-Qaida nachgesagt werden, trat erstmals 2004 ins Licht der Öffentlichkeit als sie ein von öffentlicher Seite zunächst ignoriertes Trainingslager mit dem klangvollen Namen "Afghanistan" errichtete. Dort werden junge Männer für den Kampf gegen den sich ausbreitenden westlichen Lebensstil in Nigeria ausgebildet. Seither verübte die Organisation zahllose Anschläge und Attentate auf öffentliche und christliche Würdenträger und Einrichtungen im ganzen Land. 2012 gipfelt ihr Bestreben nun in der öffentlichen Jagd auf Christen im Hausagebiet.
So manchem mag sich nun die Frage stellen, warum sich Konflikte dieser Art gerade in einem Land wie Nigeria, mit seiner starken Wirtschaftsleistung, voranschreitender Demokratisierung und für Westafrika vergleichsweise guter Wohlstandsentwicklung in der Bevölkerung, entwickeln. Eine Beantwortung dieser Frage scheint so banal, wie unlösbar: Ein Land mit einer dermaßen hohen ethnischen und religiösen Vielfalt ist und bleibt schwer zu vereinen, und noch schwerer zu regieren. Verlässliche Mehrheitsverhältnisse lassen sich auf solcher Basis nur schwer kreieren, ebenso wenig eine konstante sowie meinungs- und prinzipienstarke politische Führung. Solange extremistische Strömungen in Teilen eines Volkes Unterstützung finden, die dem Minderheitenstatus entwachsen sind, lassen sich Verletzungen von Religionsfreiheit und anderen Menschenrechten nur schwerlich bekämpfen.
[FT]
(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Jon Harald Søby, gemeinfrei)
