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ANC – 100 Jahre Freiheitskampf

- Vor 100 Jahren wurden in Bloemfontein der "South African Native National Congress", später in ANC umbenannt, gegründet. (Foto: commons.wikimedia.org/Anne97432, CC BY 2.5)
Anfang Januar 2012 feierte der Afrikanische Nationalkongress (ANC) sein 100-jähriges Bestehen. Bereits im Dezember vergangenen Jahres zelebrierte man in den Straßen von Johannesburg, doch erst mit dem Start ins neue Jahr wurde sich auch auf die offiziellen Feierlichkeiten vorbereitet. Zu diesem Anlass wurden in Bloemfontein, dem Gründungsort der südafrikanischen Regierungspartei, mehrtägige Festivitäten abgehalten. Doch der Schein trügt. Die Partei, die jahrzehntelang die Apartheid in Südafrika bekämpft hatte und 1994 mit deren Überwindung bis heute ununterbrochen die Regierungsgeschäfte des Landes lenkt, scheint zerstrittener denn je zu sein. Viele kritisieren die Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung noch immer in Armut lebt und verlangen von der Parteiführung Veränderung im Land. Heute erscheint es als unvorstellbar, dass bis vor 20 Jahren schwarze Menschen in Südafrika weder wählen gehen noch Strände betreten durften, die allein Weißen vorbehalten waren - auch der Besuch von Restaurants war ihnen verboten, wenn ein Schild an der Tür “Whites only” befahl. Die Schwarzen wurden in die Randbezirke der Städte gedrängt und mussten sich mit den niedersten Arbeiten ihr Brot verdienen.
Gründung einer Protestbewegung
Am 08. Januar 1912 wurde in einer kleinen Kirche in Bloemfontein der “South African Native National Congress” (SANNC) gegründet. Als die Bewegung ins Leben gerufen wurde, glaubte keiner der Beteiligten, dass sie etwas gegen die Apartheid bewirken können würden. Gründungsmitglieder waren der Anwalt Pixley ka Isaka Seme, die Geistlichen John Langalibalele Dube sowie W. Rubusana und der Autor Sol Plaatje. Die Männer stammten aus der höheren Bildungsschicht, jedoch stand die Tür des SANNC für jeden offen. Hautfarbe, Religion oder Sprache spielte keine Rolle. Der SANNC verstand sich vor allem als Widerstandsbewegung, die volle Bürgerrechte und Gleichberechtigung für die schwarze Bevölkerungsschicht forderte. Elf Jahre später, im Mai 1923, wurde die Organisation in “African National Congress” umbenannt.
Im Laufe der Zeit wurde aus der kleinen Gruppe eine wahre Massenbewegung. Hundertausende folgten den Ausrufen des ANC zu friedlichen Demonstrationen und Streiks. Am 16. Dezember 1943 sprach die Partei ihre Erklärung Africans’ Claims in South Africa aus, die die Herstellung gleicher Bürgerrechte für alle forderte. Diese Erklärung gilt noch heute als eine Wegmarke zur Umsetzung universeller Menschenrechte. Zwischen 1952 und 1953 organisierte der ANC die Defiance Campaign, die die diskriminierenden Gesetze des Apartheidsregimes scharf verurteilte. 1955 konnte die Organisation einen großen Erfolg verbuchen. Mit der Beteiligung an der Verabschiedung der Freiheitscharta, die ein friedliches, und gleichberechtigtes Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erreichen sollte, gelang dem ANC ein bedeutender Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Im darauf folgenden Jahr wurde der Freiheitsbewegung jedoch ein herber Dämpfer versetzt. Zahlreiche ranghohe ANC-Politiker sowie weitere Apartheidgegner, die an der Unterzeichnung der Freiheitscharta beteiligt gewesen waren, wurden festgenommen. Der Treason Trial dauerte fünf Jahre und schließlich wurden alle 156 Angeklagten freigesprochen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Proteste und Aktionen des African National Congress meist friedlich und gewaltfrei gewesen. Doch einigen Mitgliedern vertraten die Meinung, dass dies nicht ausreichend sei. Dies führte 1959 zur Gründung einer weiteren Widerstandsgruppe, den Pan Africanist Congress (PAC).
Mit der Abspaltung und Gründung des PAC entwickelte sich eine Schwarzen-Organisation, die die offene Haltung gegenüber allen Rassen wie der ANC strikt ablehnte und somit auch jegliche Zusammenarbeit mit Weißen. Das Massaker von Sharpeville begann als eine friedliche Protestaktion des PAC gegen das umstrittene Passgesetz, endete jedoch in einem schrecklichen Blutbad, nachdem seitens der Polizei der Befehl erteilt worden war in die Menschenmenge zu schießen.
69 Afrikaner kamen dabei ums Leben, darunter acht Frauen und zehn Kinder. Unzählige wurden schwer verletzt. Die südafrikanische Regierung griff bei den darauf folgenden Unruhen mit aller Härte durch und ließ an die 20.000 Demonstranten inhaftieren. Am 08. Januar 1960, 48 Jahren nach seiner Gründung wurde der African National Congress sowie der Pan Africanist Congress auf der Grundlage des Unlawful Organizations Act gebannt.
Kampf gegen das Apartheidregime

- Nelson Mandela gilt neben Martin Luther King und Malcolm X als wichtigster Vertreter im Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen. (Foto: commons.wikimedia.org/South Africa The Good News / www.sagoodnews.co.za, CC BY 2.0)
Während die Regierung den Terror immer weiter verstärkte, wurde der ANC zum Symbol des Kampfes ausgerufen. Nachdem die Organisation verboten worden war, begannen sich unter der Führung von Oliver Tambo politische Strukturen im Ausland zu bilden. Außerdem wurden Trainingslager unter anderem in China und Marokko errichtet.
Im Jahr 1961 fassten die führenden Mitglieder der Bewegung den Entschluss, mit Vertretern der South African Communist Party (SACP) einen bewaffneten Flügel zu gründen. Unter dem Namen “Umkhonto We Sizwe” (Speer der Nation) übernahm Nelson Mandela die Führung dieser Organisation. Von diesem Zeitpunkt an operierte der ANC als Untergrundbewegung in Südafrika.
Durch Sabotageaktionen beispielsweise gegen die Infrastruktur sowie militärische Einrichtungen und Polizeistationen lenkte “Umkhonto We Sizwe” die Aufmerksamkeit auf sich. Schon drei Jahre nachdem die Untergrundbewegung ins Leben gerufen worden war, wurden die führenden ANC-Aktivisten wie Nelson Mandela, Walter Sisulu und Govan Mbeki im sogenannten Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft auf der Gefängnisinsel Robben Island verurteilt. Die übrigen Anhänger des Widerstandskampfes, die nicht inhaftiert wurden, waren gezwungen, ihre Aktivitäten ins Ausland zu verlagern oder wurden von der Regierung unter Bann gestellt.
Das südafrikanische Apartheidregime versuchte auf der Basis des Parliamentary Internal Security Commission Act eine möglichst vollständige und schnelle Kontrolle über oppositionelle Aktivitäten im Land sowie den benachbarten Staaten zu erlangen. Die Führung des ANC hatte sich mittlerweile ins Exil begeben und in London niedergelassen. Tansania wurde als neue Operationsbasis für viele Aktivitäten ausgewählt. Unterstützung erhielt die Bewegung von sozialistischen und afrikanischen Staaten. Internationale Sanktionen begannen den Spielraum des Apartheid-Regimes einzuschränken.
Der ANC, der einst als friedvolle Organisation gegründet worden war, trug nun die Verantwortung für unzähligen Gewaltakten in Südafrika. Mit der Black-Consciousness Bewegung ein Jahr nach dem Aufstand in Soweto 1976, verschärfte sich die Lage im Land immer mehr, und die weiße Regierung geriet unter ständig stärker werdenden Druck. Schließlich wurde der Notstand ausgerufen. Die United Democratic Front (UDF) übernahm die Rolle der außerparlamentarischen Opposition.
Neubeginn einer Nation
In den 1980er Jahren wurden Geheimgespräche zwischen Regierungs- und ANC-Vertretern im Ausland abgehalten. Nelson Mandela wurde eine Begnadigung angeboten unter der Bedingung, dass der ANC fortan auf Gewalt verzichten würde. Er sprach sich jedoch gegen das Angebot aus, sollte an dem System der Rassentrennung keine Änderungen vorgenommen werden. Der neugewählte Präsident, Frederik Willem de Klerk, beschloss noch einen Schritt auf den ANC zuzugehen und hob am 02. Februar 1990 das Verbot des ANC und weiterer Anti-Apartheid-Organisationen auf. Neun Tage später wurde Mandela freigelassen. Fortan wurden Verhandlungen zwischen dem Regierungsoberhaupt und den Vertretern der Anti-Apartheidbewegungen abgehalten. Dies führt schließlich zur Verabschiedung einer vorläufigen neuen Verfassung. De Klerk und Mandela wurden 1993 für ihre Rolle im Verhandlungsprozess mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
1994 hatte der ANC allen Grund zu Freude. Die ersten freien Wahlen Südafrikas konnte dieser mit rund 63 Prozent der Stimmen klar für sich entscheiden und erlangte so die politische Macht im Land. Nelson Mandela nahm als erster schwarzer Präsident Südafrikas nun die Geschicke des Landes in die Hand. Er amtierte bis 1999. Seitdem hat der ANC jede Wahl auf nationaler Ebene gewonnen. Der militärische Flügel des ANC wurde nach den gewonnenen Wahlen in die neu gegründete South African National Defence Force (SANDF) integriert. Mit der SACP und dem Gewerkschaftsdachverband Congress of South African Trade Unions bildete der ANC fortan eine “Drei-Parteien-Allianz”.
100 Jahre Widerstand

- Ein großer Teil der Bevölkerung lebt immmer noch in Armut. (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)
Die Jubiläumsfeierlichkeiten der ältesten Freiheitsbewegung Afrikas begannen mit einen Golfturnier. 10 Millionen Dollar sind ausgegeben worden. Doch die einstige Befreiungsbewegung ist so zerstritten wie nie zuvor. Die Mutterpartei verbannte sogar sämtliche Grußbotschaften der Allianzpartner und eigenen Parteiligen aus dem Festprogramm. Der Haussegen hängt schon seit langem schief in der Partei, denn erst vor Kurzem hatte die Disziplinarkommission des ANC die gesamte Führung der Partei-Jugendliga (ANCYL) abgestraft. Ihr Präsident, Julius Malema, wurde sogar für fünf Jahre suspendiert. Die Vorbereitungen der Feierlichkeiten war von Kritik überschattet worden. Denn der Partei wird vorgeworfen, nicht genug für das Land zu machen. So liegt die Arbeitslosenquote bei etwa 36 Prozent und bei den jungen Menschen sogar bei 70 Prozent. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt nach Angaben von Gewerkschaften nur von acht Prozent des nationalen Einkommens. Viele können bei dieser hohen Summe, die für die Feierlichkeiten ausgegeben wurde, nur den Kopf schütteln. Denn das Land hat eine katastrophale Gesundheitspolitik im Kampf gegen HIV/Aids, die zu knapp 300.000 vermeidbaren Todesfällen geführt hat. Das Bildungssystem ist marode. Trotz der bemerkenswerten und großen Investitionen fallen die Schulleistungen eher mäßig aus. Außerdem wurde es versäumt die produktionsrelevante Infrastruktur zu erneuern.
Schon im Jahr 2008 konnte man vereinzelte Kritik am ANC vernehmen, die in den letzten Jahren immer lauter geworden ist. Vor allem Korruptionsvorwürfen sowie diverse Fälle von Ämtermissbrauch konnte man aus den Reihen der Kritiker vernehmen. Erst im vergangenen Oktober 2011 waren zwei Minister und der Polizeichef aufgrund von Korruptionverdacht suspendiert worden. Zuma stand ebenfalls mehrfach schon vor Gericht.
Dies führte schließlich zur Abspaltung der Partei Congress of the People (COPE). Der derzeitige amtierende Präsident, Jacob Zuma, konnte im Jahr 2009 mit 66 Prozent einen weiteren Sieg für die Regierungspartei verbuchen. Damit führt erstmals ein Zulu den ANC und die Regierung an, nachdem der dieser lange Zeit von Xhosa dominiert worden war. Innerhalb der Regierungspartei toben nun schon seit einem geraumen Zeitraum Machtkämpfe zwischen Südafrikas Präsident Jacob Zuma und dem rassistischen ANC-Jugendführer Julius Malema.
Doch seit dem 22. November 2011 schränkt zudem ein neues Gesetz die Pressefreiheit massiv ein. Viele Südafrikaner haben sich mittlerweile der Demokratischen Allianz (DA), der größten Oppositionspartei des Landes, zugewandt. Wie einst der ANC gilt diese nun als der Hoffnungsträger für ein “neues Südafrika” – frei von Korruption, Massenarmut und Kriminalität. Die Partei wird von der deutschstämmigen Helen Zille geführt, die in der Provinz Western Cape die Premierministerin stellt. Vor kurzem sagte sie dem neu verabschiedeten Gesetz zum Schutz staatlicher Informationen (“Secrecy Bill”) den Kampf an. Rund 20 Jahre nach der Freilassung Mandelas scheint dessen Vision eines freien und gerechten Südafrikas, basierend auf Demokratie, Menschenrechten und Pressefreiheit, stark ins Wanken geraten zu sein. Das Parlament hat nun ein Gesetz zum Schutz staatlicher Informationen verabschiedet. Dieses Gesetz sieht vor, dass es zukünftig illegal sein wird, als geheim eingestufte staatliche Dokumente zu veröffentlichen.
Journalisten im Land drohen durch die in Kraftsetzung des Gesetzes bis zu 25 Jahre Haft, sollten sie “streng geheime” Dokumente offen darlegen. Zille sieht die Verabschiedung des neuen Mediengesetzes in einem Gespräch mit der Wochenpost als einen negativen Wendepunkt in der Geschichte des Landes. “Wenn die Wähler realisieren, dass ihre Stimme Einfluss hat und sie die Wahl nutzen, können sie Veränderungen herbeiführen”, erklärte Zille. Sollte jedoch das Pressegesetz im Jahr 2012 von der zweiten Parlamentskammer verabschiedet werden, begibt sich Südafrika auf einem Weg, der die noch junge Demokratie des Landes auf eine harte Probe stellen wird und zudem eine große Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung auslösen könnte.
[MR]
(Teaserbild: commons.wikimedia.org/UberHalogen-CC BY 3.0)
