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Swimmingpools statt Wellblech

- Ein erheblicher Teil der Einnahmen der Schiffsentführungen vor der Küste Somalias fließt wohl in die regionale Wirtschaft. (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)
Die Verfasserin der Studie, Dr. Anja Shortland, untersuchte in einem über zehn Jahre andauernden Zeitraum Satellitenbilder von Somalias Küstenraum. Laut der Studie sei die sich stetig verbessernde Infrastruktur in den Piratenprovinzen Nugal und Mudug äußerst auffällig. Dies führte unlängst zu der Annahme, dass die Einnahmen aus den Schiffsentführungen vor der Küste Somalias zum erheblichen Teil in die regionale Wirtschaft fließen. Demnach gehen 40 Prozent der Erlöse direkt an die an der Piraterie beteiligten Arbeiter. So steigerte sich das tägliche Einkommen in der Provinz Nugal von 40.000 Somalia-Schilling im Jahr 2005 auf 120.000 Somalia-Schilling im Jahr 2011 (1$ = 25.000 Somalia-Schilling).
Clans, Kriegsherren und Piraten
Die Geschichte des zerrütteten Staates am Horn von Afrika liest sich wenig harmonisch. Nach dem Sturz des autoritären Regimes unter Siad Barre befindet sich Somalia seit 1991 in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Zwar gibt es eine international anerkannte Übergangsregierung unter der Leitung von Scheich Sharif Sheikh Ahmed (47), doch erkennt ein Großteil der Bevölkerung die Regierenden in der Hauptstadt Mogadischu nicht an. Vielmehr herrschen lokale Clans, Kriegsherren, radikal-islamistische Gruppen oder eben Piraten in ihren jeweiligen Provinzen. Dies macht Somalia zu einer Art rechtlosen Staat. Das gespaltene Land kämpft zudem mit einer Separatistenbewegung im Norden des Landes. Die Bürger der Provinz Somaliland fordern seit dem Niedergang des Barre-Regimes ihre Unabhängigkeit vom Rest des Landes.
Auch die Piraterie trägt zur Instabilität Somalias bei. Als die Schiffsentführungen im Jahr 2008 an Häufigkeit zunahmen, gerieten nun auch die United Nations unter Zugzwang. Trotz international geleiteter Patrouillen konnte die Gefahr durch somalische Piraten im Golf von Aden nicht eingedämmt werden. Laut Angaben der Ecoterra International Group, die die Piratenaktivität in der Region überwachen, befinden sich derzeit mindestens 40 Frachtschiffe und bis zu 400 Geiseln in somalischer Hand. Angesichts dieser Zahlen verwundern die Satellitenbilder einer gut ausgebauten Infrastruktur nicht. Piraterie bedeutet in einigen Regionen Somalias somit nichts anderes als Wohlstand.
Geteilte Erträge

- Rund tausend Piraten operieren von der Küste Somalias aus im Roten Meer und im Indischen Ozean. (Foto: commons.wikimedia.org/Lencer, CC BY-SA 2.5)
Dr. Shortland stützte ihre Aussagen außerdem auf eine UN-Studie. Folglich gingen 30 Prozent der Lösegeldeinnahmen an die Piraten, 10 Prozent an ihre Helfer an Land und weitere 10 Prozent in Form von Geschenken und Bestechungsgeldern an die Lokalgemeinschaft vor Ort. Die andere Hälfte verteilt sich auf Finanziers und Sponsoren, die sich zumeist im Ausland befinden.
Dieser Geldfluss führte unlängst zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Satellitenbilder der Provinzstadt Garowe bewiesen, dass die Piratenkommune beachtliche Häuser bauen ließ und sich das städtische Handels- und Industriegebiet signifikant vergrößerte. In den Jahren 2000 bis 2011 verdoppelte sich die Fläche der Stadt Garowe. Die westliche Vorstellung über Behausungen aus Wellblech treffen hier nicht mehr zu. Viele Häuser wurden von Grund auf neu saniert. Zudem sichtete die Forscherin auf den Satellitenbildern eine große Anzahl von Fahrzeugen, was ein Indiz für die gesteigerte Mobilisierung in der Region ist. Angesichts des Fortschritts der letzten Jahre sind die Clanführer der betroffenen Provinzen meist abgeneigt, ernsthafte Maßnahmen gegen die Piraten zu ergreifen. Außerdem kritisieren Experten, dass die Piraterie ein international hervorgerufenes Problem sei. Bei den Piraten handele es sich hauptsächlich um ehemalige Fischer, deren Arbeit den Lebensunterhalt nicht mehr sicherten. Einen Grund sehen die Kritiker in der Massenfischerei vor der Küste Somalias. Jahrelang fischten westliche Trawler-Flotten die somalischen Gewässer leer und gefährdeten unumgänglich die Existenz tausender Somalier.
Militärsanktionen unangebracht
Die massive Steigerung der Überfälle im Jahr 2008 führte zu dem Einsatz einer internationalen Marineflotte, die den Indischen Ozean und den Golf von Aden vor der Küste Somalias patrouillieren. Laut der Catham House-Studie verstärkte dies die Gewalt bei den Angriffen der Piraten. "Die Räuber investieren zunehmend mehr, um für ein entführtes Schiff das Maximum an Lösegeld zu erpressen", so Shortland.
Ein wirksames Vorgehen gegen die Piraterie sei nur von Land aus zu erreichen, empfiehlt die Studie. Ein allzu hartes militärisches Durchgreifen ist angesichts der gesamtwirtschaftlichen Situation Somalias nicht anzuraten. Mit einem Militärschlag gegen die Piraterie würde laut Shortland eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes wegbrechen. Sollte Somalias Armut erneut ansteigen, fürchten Experten die Zuwendung zu militanten Islamistengruppen wie der Al-Shabab.
Shortland fordert "eine verhandelbare Lösung des Problems […]. Um die Küstenbewohner von den Einnahmen aus den Schiffsentführungen unabhängig zu machen, muss man den Kommunen eine Alternative bieten, die für sie weit mehr wirtschaftliche Sicherheit bedeutet, als die Piraterie".
