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Montag, 6. Februar 2012

Von: Claudia Hangen

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Keywords:
Senegal | Präsidentschaftswahl | Wade | Proteste | Afrika | Dakar | UNICEF-Botschafter Youssou N’Dour
Multikultureller Protest im Senegal

Präsident Wades dritte Kandidatur

Youssou N’Dour
Sänger Youssou N’Dour setzt seine Lieder dem politischen Handeln des amtierenden Präsidenten Abdoulaye Wade entgegen. (Foto: commons.wikimedia.org/Marc Ras, CC by 3.0)

Während sich die Ausschreitungen zwischen der Polizei, den Anhängern der Oppositionsbewegungen und -parteien in der Hauptstadt Senegals, in Dakar, vermehren, wird der Protest gegen Präsident Abdoulaye Wades dritte Kandidatur kulturell immer bunter. Der populäre einheimische Volkssänger und UNICEF-Botschafter Youssou N’Dour aus Dakar übermittelt mit seiner traditionellen Musik aus dem sub-saharischen Afrika Botschaften für einen neuen, anderen Senegal.

"Trotz Armut - lächeln wir!" 

"Wir sind arm, aber wir haben unser Lächeln nicht vergessen", sagt der 59jährige senegalesische Sänger Youssou N’Dour, der aus einer Familie berühmter musikalischer Geschichtenerzähler im Senegal stammt bei einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender Aljazeera. Seine Lieder versteht er als eigene Sprache, die von vielen Senegalesen gerne gehört wird. Diese, mit politischen Botschaften durchsetzte Sprache setzt er dem politischen Handeln des amtierenden Präsidenten Abdoulaye Wade entgegen, dessen auslaufende Amtszeit auf Widerstand stößt. Um die vom Stromausfall der Sommermonate Armut, Arbeitslosigkeit und Überschwemmungen gebeutelte Jugend aufzumuntern, singt er für "Respect, what you promise. Make a change". Der Volkssänger Youssou N’Dour, dem man eher ein humanitäres und kein rein politisches Machtkalkül nachsagt, war letzten Freitag aus der Liste der 14 Kandidaten von den Mitgliedern des Verfassungsrates gestrichen worden, da er die nötigen 10.000 Unterschriften für eine gültige Kandidatur nicht aufbringen konnte.

Doch auch internationale, warnende Stimmen erheben sich vor den Wahlen, allen voran die USA. So empfahl die Sprecherin des US-Außenministeriums Victoria Nuland Präsident Wade, die Macht an die nächste Generation abzugeben. Doch dafür sei es zu spät, konterte der Staatsminister und Wahlkampfchef Wades El Hadj Amadou. Seine Kandidatur sei nun legal, Wade nicht mehr aufzuhalten. 

Entscheidung des senegalesischen Verfassungsrats führt zu neuen Protesten

Rund einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen am 26. Februar, verschärfen sich die Proteste besonders der einkommensschwachen Jungwähler im Land aus den Elends- und Vorstadtvierteln Dakars. Der Grund: Rund 50 Jahre nach der Unabhängigkeit Senegals von der Kolonialmacht Frankreichs gibt der Verfassungsrat am letzten Freitag eine äußert unpopuläre Entscheidung bekannt: Er billigt offiziell die Liste der 14 Präsidentschaftskandidaten, auf der auch der 85-jährige amtierende Präsident Abdoulaye Wade seine erneute und damit dritte Kandidatur bekannt gibt. Kritiker sehen in den politischen Ambitionen Wades einen echten Verfassungsbruch. Ehemals als Symbol der Freiheit und Demokratie von den Senegalesen 2000 in das hohe Amt gewählt, zeigte Wade in der Folge seiner Amtszeit wenig Bereitschaft, den Senegal in vollkommene politische und ökonomische Freiheit und Prosperität zu führen. Allein 18 Verfassungsänderungen musste das Volk über sich ergehen lassen. Die Letzte erfolgte 2008, als Wade die Amtszeit des Präsidenten auf zwei Perioden mit je sieben Jahren festschrieb. Die Kritik der Oppositionsparteien und Gegenkandidaten, worunter drei ehemalige Premierminister Wades rangieren, Idrissa Seck, Macky Sall und Moustapha Niasse, der Präsident verstoße gegen seine eigene Verfassungsänderung. Denn, wenn er 2012 erneut gewählt wird, überschreitet er in seiner neuen Amtszeit die zulässigen 14 Jahre Präsidentschaft im Senegal.

Starker demokratischer Geist im Volk

Abdoulaye Wade
Der 85-jährige amtierende Präsident Abdoulaye Wade, ehemals als Symbol der Freiheit und Demokratie von den Senegalesen gewählt. (Foto: commons.wikimedia.org/World Economic Forum, CC by-sa 2.0)

Die Senegalesen zeigen mit ihrem Widerstand politisches und demokratisches Selbstbewusstsein, auf das Wade seit seiner Wahl 2000 stolz ist und das er auf die Einführung des Wahlrechtes durch die Franzosen im 18. Jahrhundert zurückführt. Der Senegal stellte im sub-saharischen Afrika immer schon eine Ausnahme dar: Im Unterschied zu den Nachbarländern galt er als sicher, politisch und ökonomisch stabil und frühzeitig demokratisch. Die Franzosen, die 1677 die Kolonialherrschaft der Holländer in Westafrika fortsetzten und den Sklavenhandel in die Neue Welt florieren ließen, modernisierten das Land, gaben den Senegalesen die französische Staatsbürgerschaft und teilten damit auch alle Errungenschaften der französischen Republik, wenngleich unter Pariser Schirmherrschaft.
Der erste freie, sozialdemokratische Präsident des unabhängigen Senegals, das am 4. April 1960 seine Unabhängigkeit erhielt, Leopold Senghor, förderte erstmals die afrikanische Identität, wenngleich auch seine Kooperation mit der französischen Kolonialmacht sehr eng blieb. Politische und Wirtschaftsexperten kamen aus Paris ins Land, Unternehmer und Industrie waren Französisch, so auch das Militär. Der Senegal, ein Land mit französischer Kultur, Währung und Sprache in Afrika.

Für Wandel nach dem "Wades Aufbruch"

Wade brachte vor zehn Jahren den Aufbruch, indem er eine von Frankreich unabhängige Staats- und Wirtschaftsentwicklung lancierte. Er öffnete die senegalesische Wirtschaft für den Welthandel und Weltmarkt. Er baute Schulen und führte die (kostenfreie) Schulpflicht für alle Schüler zwischen sechs und 16 Jahren ein. Die Universität in Dakar baute er für 10.000 Studenten aus. Wade, ein Reformer, jedoch letztlich ein gescheiterter Reformer. Denn wirtschaftlich konnte er das Land nicht aus der Armut und Korruption befreien. Die wenigsten Diplomierten haben die Aussicht auf einen gut bezahlten Job. Die meisten Akademiker landen in Jobs des informellen Sektors, womit man sich gerade über Wasser halten kann. Wade hatte zwar ehrgeizige Projekte angestrengt wie den Bau von Straßen und Brücken, einen neuen Flughafen. Doch die städtebauliche Modernisierung ist in den Elendsvierteln der Hauptstadt nicht angekommen. Hier gibt es kaum öffentliche Verkehrsmittel, die Straßen erinnern an koloniale Zeiten, der Weg des jungen Arbeitenden in die Stadt ein tägliches mühsames Unterfangen von zwei Stunden. Der proklamierte Aufbruch Wades ist bei der politisch aufgeklärten Jugend nicht angekommen. Sein Parteiprogramm, das bei afrikanischen Parteien sowieso keine vergleichbare Bedeutung mit dem deutscher Parteien hat, reine Worthülsen. Kommt es zur Wiederwahl Wades, wäre er in den Augen seiner Kontrahenten  auch verfassungsrechtlich und demokratisch gescheitert. 

(Teaserbild: commons.wikimedia.org/H. Grobe,CC BY-SA 2.0)